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║ 22. Eine Exkursion in die Studentische Su(b/ff)kultur               ║
║ Samstag, 22. Januar 2005, 00:00                                eloi ║
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Es ist ca. 23:00 als ich das prall gefüllte Studentenlokal betrete. Als erstes treffe ich Flo, der, wie zu erwarten, gerade noch so auf einem Stuhl sitzen kann ohne sich festzuhalten und mir erzählt, daß er bereits seit etwa um drei dabei ist, sich die Kante zu geben. Ich bestelle mir ein Becks und setze mich an die Bar. Heute Abend bedienen zwei Studenten. Er sieht aus, als würde er Architektur oder etwas ähnliches studieren und ist definitiv schwul. Sie hat einige wenige Kilo zu viel, die sich auf ihren Hintern und ihr Gesicht verteilen, ist aber irgendwie niedlich, gut gelaunt und erinnert mich ein bisschen an Mary.
Rechts neben mir ein Metal-freak, der offensichtlich alleine hier ist und an einem Köstritzer nippt. Vermutlich nicht sein erstes. Links neben mir auf dem Tresen steht ein Meter Kölsch und davor tummeln sich ständig wechselnde sturzbetrunkene BWL-Studenten. Weiter hinten ein distinguiert wirkender Twen mit grauem Camp-Davis-Kapu der vermutlich Elektrotechnik in einem höheren Semester studiert. Hinter mir latschen ständig alle möglichen Individuen herum, vorrangig Mädchen, Frauen und Tiffies, aber alle mit einem merklichen Grundpegel vom Cuba libre.
Als mein Bier halb leer ist, verabschiedet sich Flo mit schwerer Zunge, weil er "im Arsch" ist, wie er mir mitteilt. Der distinguierte ET'ler bekommt ein neues Alt. Über dieses augenscheinliche Paradoxon nachgrübelnd drehe ich mir eine Zigarette und beobachte, wie einer der BWL-Leute ein Kölsch stürzt. Der Rocker rechts bestellt ein neues Köstritzer und bittet gestikulierend um etwas zu schreiben. Ein ziemlich Übergewichtiger Typ quetscht sich hinter mir vorbei und drückt mir die Tresenkante in den Bauch. Die Kölsch trinkenden BWL-Studenten fangen an "I've been looking for freedom" zu singen. Mary, die gerade Gläser abwäscht, schaut grinsend hoch und bemerkt, daß die Textsicherheit der drei Gröhlenden nicht gerade gut ist. In der Körpermasse weiter hinten taucht ein bekanntes Gesicht auf, verschwindet aber sofort wieder, ohne daß es mich bemerkt. Ist wohl auch nicht so wichtig. Gerade als der distinguierte Elektrotechniker sein nächstes Alt bekommt beendet der Rocker sein Gekritzel und wechselt Geld für den Kippenautomat. Als er aufsteht um Zigaretten zu erstehen spiele ich mit dem Gedanken mir aus seiner liegengelassenen Gauloises-Schachtel eine zu stiebitzen. Ich muss über diese Absicht leise schmunzeln, da er sicherlich keine Zigaretten kaufen würde, wenn sich in der Schachtel noch welche befänden. Die besoffenen BWL-Proleten beginnen eine Art Wettkampf, wer beim Abstellen des Glases auf dem Tresen das lautere Geräusch machen kann. Es kommt gerade mal zu zwei Runden, bis der schwule Architekt eingreift. Das eine Kölsch-Glas sieht von hier aus, als hätte es einen Sprung, aber es ist nur eine Lichtreflexion. Insgeheim hatte ich mich schon gefreut, die ganze Bande rausfliegen zu sehen. Aber Betrunkene sind zahlende Kundschaft und werden deshalb nur im äussersten Notfall hinaus gebeten. Wie um das zu beweisen drängelt sich ein nicht zu der BWL-Gruppe gehörender aber dafür umso unzurechnungsfähigerer Gast an den Tresen und bestellt das billigste kleine Bier, was es hier gibt. Wörtlich. Schon nach der vierten Wiederholung der Bestellung hat Mary verstanden und zapft ihm ein Lübzer. Der Architekt begibt sich aus der sicheren Tresen-Bastion heraus und mischt sich unter's Fußvolk um leere Gläser einzusammeln. Auf seinem Rundweg macht er kurz mit einer Blondine herum, die er offensichtlich kennt. Alles Tarnung.

Der Rocker bestellt sich ein neues Köstritzer und ich ein neues Becks. Das Alt von dem distinguierten Elektrotechnikstudenten ist noch halb voll. Offenbar hatte ich zwischendurch eine Neubestellung von ihm nicht mitbekommen.
Ein mindestens zwei Meter großer Student taumelt vom Eingang her auf den Tresen zu. Er stützt sich an einem Barhocker ab und wühlt aus seiner Hosentasche einen Fünfeuroschein hervor, legt ihn auf den Tresen und fällt hin. Nachdem er sich wieder hochgerappelt hat, streift er die Kapuze ab, zieht sich die Mütze vom Kopf, setzt sie Kapuze wieder auf und legt sich die zusammengefaltete Mütze auf den Kopf. Während er einem der BWL-Prols versucht klar zu machen, daß er ihm ein Bier und einen Wodka bestellen soll versucht er, indem er sich am Tresen festklammert, nicht umzukippen.
Über die Antwort des BWL-Studenten "Nimm erstmal deine Sonnenbrille ab" musste ich beinahe lachen. Aber tatsächlich leistete der Koordinationslose dieser Aufforderung folge und schafft es sogar sich auf den Barhocker zu setzten ohne umzufallen. Hinter mir bricht eine Diskussion über einen besetzten Stuhl los, auf den sich offensichtlich einer der BWL-Typen gesetzt hatte.
Einer der Skat-Spieler am Ecktisch, die ich bisher gar nicht beachtet hatte brüllt plötzlich "SCHACH!" woraufhin ein anderer begeistert "HALMA!" schreit.
Ich trinke den Rest meines Bieres und gehe auf Klo. Schon bevor ich die Treppe hinauf bin und die lärmende Gesellschaft hinter mir lasse, höre ich zwei laute Stimmen die euphorisch Pop- und Hiphop-Lieder aus den Neunzigern gröhlen. Als ich das Klo betrete erkenne ich einen der BWL-Studenten Arm in Arm mit irgend einem anderen Gast am Waschbecken. Ich habe also bei der Miktion sogar musikalische Unterhaltung. Ich hoffe, sie würden vor mir fertig sein.
Weil sie das natürlich nicht sind, passiert das Unvermeidbare. Beim Händewaschen werde ich aufgefordert einzustimmen. Ich verwirre die Beiden mit einem kurzen Exkurs über Wochentage und zwänge mich dann schnell vorbei. Auf dem Weg zurück treffe ich das bekannte Gesicht, lächle kurz im Vorbeigehen und verlasse das Lokal. Beim Hinausgehen bemerke ich noch, wie der Distinguierte ein neues Alt gereicht bekommt und daß auch der Rocker schon nicht mehr da ist.
Auf dem Heimweg sehe ich einen etwa zwei Meter großen Studenten mit Sonnenbrille, Mütze und Kapuze im Schnee schlafen.